Die Symbolik des Raums als Element der visuellen Geschichtsschreibung

Der gesenkte Kopf

Grenzenlos werden Daten erhoben und grenzenlos werden immer mehr Bereiche unserer Gesellschaft digitalisiert. Kinder wachsen mit Handys auf und ohne Schultafel und Füller. Einige Länder schaffen schon die Schreibschrift ab, in Deutschland sollen Bücher durch Tablet-Computer ersetzt werden. Die Produktion von digitaler Kommunikation und die Rezeption von digitaler Kommunikation nimmt immer mehr zu.

Die Begegnung von Mensch zu Mensch nimmt immer mehr ab. Das anonyme Nebeneinander nimmt zu. Das miteinander sprechen gibt es kaum noch. Jeder schaut auf sein Telefon. Wer andere anschaut begeht fast schon eine Beleidigung.

Ist der gesenkte Kopf das Symbol der neuen Zeit?

Dann muß man dies im öffentlichen Raum fotografieren, wenn man es dokumentieren will als Zeitgeist dieser Zeit.

Vieles wird nicht sichtbar und vieles wird nicht auffindbar. Wenn es nicht beschrieben wird oder fotografiert wird, dann ist es geschehen aber ungesehen.

Soziale Zeit

Michael Beetz hat in seinem Buch „Kraft  der Symbole. Wie wir uns von der Gesellschaft leiten lassen und dabei die Wirklichkeit selbst mitgestalten“ darauf hingewiesen, daß die soziale Zeit durch kollektive Ereignisse entsteht. So hatten die Griechen ihre Olympiaden und richteten soziales Handeln nach deren Rhythmus aus. Wir hatten hier Weihnachten und Ostern und heute eher den Valentinstag und Halloween. Andere haben die Bundesliga-Saison als Rhythmus für gemeinsames Erleben und Treffen.

Neben die soziale Zeit tritt nun noch der soziale Raum, privat und öffentlich.

„Allein der Raum wird maßgeblich über symbolische Markierungen strukturiert, indem diese Grenzen auszeichnen, bestimmte Bereiche sozial deklarieren und virtuell räumliche Ordnungen modellieren.“

Öffentlicher Raum – sozial und materiell

Beetz weist auf folgendes hin: „Wer im öffentlichen Raum unterwegs ist, der sieht sich ständig mit einer mehr oder weniger feinsinnigen Symbolik konfrontiert, welche soziale Orte definiert, Grenzen markiert und die gangbaren Wege aufzeigt…. die lokale Umgebung beinhaltet über ihre rein physikalischen Eigenschaften hinaus durchweg symbolische Qualitäten…. Der tägliche Spaziergang mit dem Hund, das regelmäßige Aufsuchen von Veranstaltungsorten… von Kneipen oder Parks bezeugen die Zugehörigkeit zur Szene, zum Kiez, zur Heimat. Mit dem lokalen Lebensraum kann man durchaus verschmelzen, ohne ihn damit zu okkupieren. Andererseits bleibt manch einer auch nach dem Erwerb eines Grundstücks oder der Besetzung einer Stelle in sozialer Hinsicht ein Fremder. In Kleinstädten wird man in der Regel ein Leben lang als Zugereister gelten.“

Der öffentliche Raum ist also materiell und sozial gestaltet.

Manches sieht man an der Architektur, anderes an Schildern und anderen Symbolen und am Verhalten von Einzelpersonen und Gruppen.

Und man sieht es natürlich am „Auftritt“ der Menschen an gewissen Stellen zu gewissen Zeiten mit einem gewissen Verhalten.

Im Prinzip legt man über die geografische Landkarte eine materielle Landkarte und darüber eine soziale Landkarte und diese setzt man in ein Verhältnis zur „Zeit“.

Dies alles ist der öffentliche Teil, der visuell sichtbar werden kann und der eventuell auch fotografisch festgehalten werden kann.

Und dann?

Dann sieht man in in einer Anordnung von Raum und Zeit, also horizontal und vertikal, wie die Gestaltung aussieht und wie die sozialen Räume und die geografischen bzw. materiellen Räume sich ändern.

Was im Kopf ist, kann ausserhalb des Kopfes durch Handeln sichtbar werden.

„Diejenigen…, denen es gelingt, sich am nachhaltigsten zu materialisieren, dominieren das Erscheinungsbild… Dabei geht es beileibe nicht nur um die Eroberung von Raum, von strategisch wichtigen Orten und um die Kontrolle von Wegen und Knotenpunkten. Von erheblicher Bedeutung ist auch die sichtbare Präsenz im öffentlichen Raum insgesamt.“

Und Zutrittsbereiche, Geltungszonen, Schleusen, Absperrungen, fehlende freie Sitzgelegenheiten und vieles mehr zeigen dann, wie stark der soziale Raum reglementiert ist.

Die öffentliche Meinung als veröffentlichte Meinung und der öffentliche Raum als veröffentlichter Raum zeigen das, was man sehen soll oder zufällig sehen kann. Sie konstruieren im Kopf dann die Welt über das Sichtbare und das über Wörter vermittelbare.

Was nicht zu sehen ist und nicht zu lesen bzw. hören ist, ist nicht da.

Das Verborgene sichtbar machen?

Die Symbolik enthält durch das, was sie zeigt, schon das, was sie verschweigt.

Die Symbole der jeweiligen Kultur haben nach Beetz drei Funktionen.

Sie dienen der Identifikation mit der Kultur, sie sind symbolische Abbilder der Kultur und sie zeigen die grundlegende Weltsicht der jeweiligen Kultur.

Wenn man das rumdreht kann man fragen:

  • Welche Symbole dienen der Identifikation mit welcher Kultur hier bei mir?
  • Was wird abgebildet oder gebaut, wo geschieht es und was kann gesehen werden?
  • Welche Weltsicht wird dabei vermittelt?

Insofern ist die Dokumentation des öffentlichen Raums eine elementare Aufgabe, wenn man Zeitgeist und Geschichte sichtbar und dokumentierbar machen will.

Weitere Infos zum Thema Symbolik und Dokumentarfotografie gibt es, wenn sie diesem Link folgen.

Darüber lohnt es sich, weiter nachzudenken und das eine oder andere Foto zu machen.

Bis dann!

4 Gedanken zu „Die Symbolik des Raums als Element der visuellen Geschichtsschreibung

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