Gewalt – gestern, heute und morgen

Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet in ihrer Schriftenreihe immer wieder gute Bücher an, die gegen ein kleines Entgelt, aktuell 4,50€ je Exemplar, bezogen werden können. Aktuell sind dort zwei Bücher zu finden, die thematisch gut zueinander passen.

Ernst Friedrich Krieg dem Kriege liegt in einer Neuausgabe vor. Das Buch mit vielen Fotos und Texten von Kurt Tucholsky ist ein Versuch, mit Fotografien aufzuklären und Gewalt einzudämmen.

Zugleich gibt es aktuell dort ein Buch von Klaus Baberowski zum Thema Räume der Gewalt. Ihm geht es darum, „was Menschen in der Gewalt tun und wie Gewalt Menschen formt.“

Schwerpunkt sind Schilderungen aus der Nazizeit, in denen detailliert dargestellt wird, wie dein Nachbar über Nacht zum Schwein wird. Das Buch ist für mich sehr interessant als Literaturstudie und Versuch einer Antwort auf Ernst Friedrich, zumal es feststellt was wir wissen aber unsere Politik oft völlig ignoriert:

„Und Verträge ohne das Schwert sind bloße Worte.“

Genau!

Wenn Herr Baberowski auf Seite 145 Thomas Hobbes zitiert, um den Charakter des Menschen darzustellen, dann kann ich ihm nur zustimmen. Da berührt er trotz seiner professoralen Distanz direkt die Gegenwart. Und gute Historiker schreiben über Erfahrungen, die auch Lehren aus der Geschichte sein können. Insofern finde ich dieses Buch außerordentlich gut und auch richtig.

Aber!

Ich hätte mir gewünscht, daß er Johann Galtung´s genial einfach bezeichnende Wortwahl von der „strukturellen Gewalt“ nicht nur zitiert und dann mit vielen freundlichen rhetorischen Fragen relativiert sondern akzeptiert als gelungene verbale Konstruktion unserer Gesellschaft. Es gibt keine Gesellschaft ohne strukturelle Gewalt aber es ist ein großer Unterschied ob es demokratisch legitimierte Strukturen sind und/oder Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen jenseits des Volkes und vor allem jenseits der garantierten Menschenrechte unseres Grundgesetzes.

„Studenten leiden nicht darunter, dass ihre Professoren, aber nicht sie darüber bestimmen, welche Prüfungsaufgaben ihnen gestellt werden und welche Note sie bekommen.“

„Nicht jeder empfindet den Schulbesuch als Befreiung, die Zugehörigkeit zur Unterschicht  als Stigmatisierung und das Leben in Unwissenheit als Schande.“

Das sind zwei der Sätze, die in dem Kapitel über strukturelle Gewalt zu finden sind.

Wie soll ich das deuten?

Die soziale Realität von Gewalt findet meiner Meinung nach überwiegend jenseits der Buchdeckel statt.

Bezogen auf die Prüfungen fällt mir ein Artikel über Habilitationen ein, den ich einmal gelesen habe. Es war aus Sicht vieler Betroffener damals „die letzte Demütigung.“

„Und nicht jeder empfindet Armut und Unbildung  als Gewalt, die an Wehrlosen verübt wird.“

Solche Sätze aus dem Buch von Herrn Baberowski sind so „wahr“ wie der Satz, nicht jeder findet Vergewaltigung schlecht und Mord an Juden als falsch.

Aber was ist das für eine Wahrheit? Also meine Wahrheit ist das nicht, tut mir leid.

Insofern frage ich mich, wieso dieses Buch, das sonst nur so von Gewaltschilderungen strotzt, hier genau das Gegenteil macht.

Ich hätte eher Schilderungen erwartet, die die strukturelle Gewalt seit der Agenda2010 zeigen als Beweise, daß eine Demokratie nach außen hin Gewaltfreiheit predigt und nach innen eigene Bürger drangsaliert, so wie ich es gerade hier aufschreibe.

Der lebende Beweis für legalisierte strukturelle Gewalt ist z.B. in Jobcentern institutionalisiert worden. Wer jemals dort die entwürdigenden Prozeduren struktureller Gewalt über sich ergehen lassen mußte, merkt die Distanz zwischen seinen Formulierungen hier und der Realität dort:

Das Hartz 4 System führt nun zu einer völligen Entblößung der Privatsphäre des Menschen.

Das erinnert an

  • die unseligen Traditionen der Gesinnungsüberprüfungen für den Staatsdienst,
  • die Gesinnungsüberprüfungen für den Zivildienst,
  • die Verhöre in der DDR und
  • die Nazi-Zeit vor 1945

zumindest mich.

  • Fragen wie die nach dem Vermögen sind Fragen nach dem Inhalt der Schubladen
  • Residenzpflichten und Kontokontrollen sind sichtbare Zeichen von staatlicher Kontrolle bei unbescholtenen Bürgern
  • die Aberkennung jeglicher Qualifikation führt zur Entwertung jeder Form von Bildung
  • Sozialdetektive und Sanktionen zeigen in ihrer Art, in der Weise wie sie angelegt sind und in der Praxis, was für ein unsägliches System hier geschaffen wurde.

Hier wird mit derselben bürokratischen Logik, die noch viel furchtbarere Dinge organisierte, systematisch der Versuch unternommen,

Wobei ich dies aus dem Blickwinkel des Staatsbürgers sehe, der hier vorher gedient und gearbeitet hat. Wer hier hinkommt und vielleicht noch aus Kulturen mit erlaubter direkter Alltagsgewalt, der muß natürlich kontrolliert werden, wenn er Ansprüche stellt. Aber der, der dieses System hier mit finanziert hat über viele Jahre, hat andere Ansprüche und Rechte zu haben. Die Willkommenskultur wäre daher zuerst bei Staatsbürgern angebracht, die arbeitslos werden.

Hier ist dann auch die Grenze zwischen Historiker und Sozialwissenschaftler. Gerade die strukturelle Gewalt ermöglicht in einfachen Worten die Beschreibung der Realität unserer sozialen Existenz. Der Abbau struktureller Gewalt ist logischerweise die Forderung, aktuelle Machtverhältnisse zu verändern und legalisierte strukturelle Gewalt in Form von legalen Gemeinheiten wie Hartz 4 für Staatsbürger abzuschaffen. Das passt natürlich denen nicht, die davon profitieren.

Aber es spricht natürlich für dieses Buch, das es mir die Gelegenheit bietet dies hier zu ergänzen.

Und der Kreis schließt sich für mich genau hier: wo viel strukturelle Gewalt ausgeübt wird wächst das Potential für direkte Gewalt. Dies bezieht sich auf unseren „europäischen“ Kultur- und Rechtskreis heute, der das Miteinander sozial mit Regeln und im Rechtsstaat löst.

Denn es geht nicht nur um direkte und strukturelle Gewalt, es geht zugleich um Ungerechtigkeit und Rache.

Als Barrington Moore 1982 sein Buch über Ungerechtigkeit veröffentlichte, war es ein Thema, das teilweise in Europa gelöst schien.

Doch dies war trügerisch.

Was verletzt Menschen tatsächlich?

Mit dieser Frage fängt er an. Seine Antwort ist eindeutig:

„Werden physische Bedürfnisse nicht befriedigt, so ist das offensichtlich schädlich. Grob nach der Reihe ihrer Wichtigkeit aufgezählt, betreffen diese Bedürfnisse: Luft, Wasser, Nahrung, Schlaf, Obdach im Sinne von Schutz gegen extreme Hitze und Kälte, sexuelle Befriedigung. Werden diese Bedürfnisse nicht gestillt, bedeutet das für jeden Menschen leiden….. Abgesehen von diesen .. Bedürfnissen würden Psychologen und Anthropologen vermutlich darin übereinstimmen, daß auch ein Mangel an Liebe und Anerkennung seitens anderer Menschen das Individuum schädigt.“

Nachdem er dann die Gesellschaft als sozialen Ort unserer Zeit definiert, fragt er sich, wie Ungerechtigkeit entstehen kann.

Weil in jeder Gesellschaft Macht, Arbeitsteilung und die Verteilung von Gütern geregelt werden müssen zwischen Zwang und Tausch, entstehen soziale Regeln.

Diese sind wesentlich für die Stabilität einer Ordnung.

Wenn diese Regeln nun gebrochen werden, entsteht das Gefühl, daß Unrecht geschieht.

Deshalb kann man auch keine Gesetze machen wie die Rente mit 67, die den Älteren alles gönnen und den Jüngeren vieles nehmen und sie zugleich doppelt belasten. Dann hätten die Älteren sofort ihre bestehenden Pensionen halbieren und z.T. auch Renten kürzen müssen, um die Belastung der Jüngeren nicht zu groß werden zu lassen oder eine neue Art der Rente einführen müssen. Weil sie es aber nicht getan haben, spüren und wissen die Jüngeren, die noch keine Rente erhalten, daß sie betrogen wurden. Eine gute Lösung im Sinne des Abbaus struktureller Gewalt wäre nun, den Faktor Arbeit zu entlasten und den Faktor Kapitalerträge zu belasten. So wäre die Rente zukunftsfest und gesichert und die gesellschaftliche Akzeptanz wieder hergestellt.

Das Unrechtsbewußtsein in unserer Kultur kann man sehr gut an zwei Ereignissen sehen: die Einführung von Hartz 4 durch Gerhard Schröder und die Rettung von Zockerbanken und Hedgefonds mit dem Geld der Steuerzahler durch Angela Merkel.

Sie haben dafür gesorgt, daß die Ehrlichen und Fleissigen die Dummen sind und bestraft werden und die Abzocker und Betrüger quasi machen können, was sie wollen. Sie haben die Werte dieser Gesellschaft umgedreht. Und seit der Flüchtlingskrise kommt noch mehr ins Wanken.

Was dann passieren kann, hat Barrington Moore sehr schön geschildert:

„Der Schrei nach Rache – hier unterdrückt, dort ermutigt und aufwendig formuliert – hallt durch einen ungeheuren Teil der menschlichen Erfahrung. Rache bedeutet Vergeltung. Ferner bedeutet es eine Wiederherstellung menschlicher Würde oder menschlicher Werte, nachdem diese verletzt oder geschädigt wurden. Beides sind grundlegende Gefühle, die hinter moralischer Empörung und dem Gefühl der Ungerechtigkeit stehen. Rache ist ein Weg, die Dinge wieder ins Lot zu bringen, und selbstverständlich ist dieser Weg nie völlig erfolgreich, denn eine völlige Wiedergutmachung für einmal erfolgte Verletzungen gibt es nicht. Rache mag die primitivste Form moralischer Empörung sein. Aber wenn auch primitiv, so ist sie doch eine höchst zeitgenössische Erscheinung.“

Das war 1982.

Heute wissen wir durch die Hirnforschung, daß Rache in unserer Biologie, unseren Genen, angelegt ist.

Es muß sich also keiner über das wundern, was hier noch kommen kann, wenn es so weitergeht.

Und weil in dem Buch von Herrn Baberowski nicht ein einziges Foto ist und in dem Buch von Ernst Friedrich alles voller Fotografieren, passen diese beiden Bücher besonders gut in diesem Artikel zusammen und ermöglichen sich intensiv mit der Frage von Gewalt zu beschäftigen.

Anmerkung von mir: Das Grundgesetz ist übrigens eine Antwort auf genau dieses Wissen um den Charakter des Menschen je nach Umfeld. Deshalb wird überall begrenzt, geteilt und kontrolliert, damit so etwas so wenig wie möglich wieder vorkommen kann. Und wenn man dann das Grundgesetz außer kraft setzt und das Parlament nichts tut, um die Grundrechte der Staatsbürger zu schützen, ist es anthropologisch und historisch logisch, daß die dann einsetzende Gewalt auch den Abgeordneten irgendwann um die Ohren fliegt. Und dann fängt alles wieder von vorne an.

Betrachten Sie diese Zeilen als Beitrag zur Politischen Bildung in unserer Demokratie.

 

 

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