Wer war der erste Reporter der Welt?

Wenn man Ryszard Kapuscinski fragen würde, dann war es Herodot.

Und damit nicht genug.

Weil er Herodot im Buch traf und dieses Buch ihn fast lebenslang begleitete, wurde das Wissen und das Denken von Herodot Teil seines eigenen Erlebens der Welt.

Und so reiste Herr Kapuscinski mit Herodot im Kopf und im Gepäck durch die Welt als Reporter aus dem damaligen Ostblock.

Dies alles hat er vor vielen Jahren aufgeschrieben in dem Buch „Meine Reisen mit Herodot“.

Das Buch ist wirklich ein Glücksfall, weil hier Alte Geschichte durch die Verquickung des eigenen Lebens im Kalten Krieg mit den Erzählungen von Herodot höchst lebendig wird. Es wird klar, wie wenig sich der menschliche Charakter geändert hat und wie sehr das Sein das Bewußtsein bestimmt.

Das Soziale ist damals wie heute Schicksal und Chance des Menschen bzw. der Menschheit.

In dem Buch finden wir auch die Zeitabhängigkeit und den Zeitgeist der jeweiligen Epoche.

So schildert Ryszard Kapucscinski, daß Herodot´s 9 Bücher zur Geschichte erst gar nicht im Ostblock erscheinen durften, weil man ihn auch gegen die herrschende Ordnung interpretieren konnte. Erst nach Stalin wurde es möglich. Und wir erleben dann, wie unterschiedlich wir Herodot kennenlernen.

Denn es kommt immer auf die Übersetzung an.

Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die Schilderung des Kannibalismus unter einigen frühen Völkern. Bei Kapuscinski steht: „Im Osten Indiens aber gibt es auch ein Wandervolk, die Padaier, welche rohes Fleisch essen… Wenn einer von ihnen …krank wird … so töten ihn … seine nächsten Freunde … er wird geschlachtet und von ihnen verzehrt… Bei anderen Indern ist wieder folgende Sitte. Sie töten kein lebendes Wesen, sie säen nicht, wohnen auch nicht in Häusern…. Alle die Inder, von denen bisher die Rede war, begatten sich auf offener Straße wie das Vieh, und sie haben alle dieselbe Hautfarbe, so wie die Äthiopier.“ Das ist die Übersetzung von Theodor Braun.

In der Übersetzung von A. Horneffer heißt es: “ Weiter östlich leben Nomadenstämme, die von rohem Fleisch leben. Sie heißen Padaier und sollen folgende Gebräuche haben …. Ein anderer iischer Stamm hat wieder ein andere Lebensweise. Da wird überhaut kein lebendes Wesen getötet.“

Ähnliche aber nicht gleiche Übersetzungen und vor allem auch eine Ausdifferenzierung, die wir heute selbst mit google kaum finden.  Ich habe mal einen Film gesehen, in dem eine sympathische Frau („Eskimo“ im weitesten Sinne) Richtung Alaska einfach einen toten Vogel roh verzehrte als Delikatesse. Mitteleuropäische Essgewohnheiten sind also ebenso relativ wie religiöse Vorschriften, deren Sinn nur im Befolgen als Machtdemonstration der Vorgesetzten besteht wie der Verzicht auf Schwein etc.

Jede Tradition hat einen Ursprung, aber der muß nicht gut sein sondern kann auch Ausdruck ehemaliger bzw. aktuell aufrecht zu erhaltender Macht und Herrschaft sein.

Herodot schrieb über das, was er gesehen und gehört hatte. Das war gut, weil wir sonst nicht einmal die Gerüchte kennen würden. Sicherlich war nicht alles wahr aber ohne ihn würden wir vieles nicht wissen und nicht einmal wissen, wer damals für Gerüchte gut war.

Dies alles kann man sich nicht ergooglen, weil es voraussetzt daß man die grundlegenden Zusammenhänge schon kennt und weiß, nach welchen Details man noch suchen will und diese dann doch nicht online direkt zugänglich sind.

Aber es geht noch weiter.

In unserer kapitalisierten Welt wird sogar das Wissen, welches mit Steuergeldern erarbeitet wurde an Universitäten trotz digitaler Möglichkeiten uns nicht zur Verfügung gestellt – besser nur gegen Bezahlen zur Verfügung gestellt -, obwohl seine Entstehung schon von der Gesellschaft bezahlt wurde.

So ein Buch  ist zum Beispiel Dem Körper eingeschrieben. Verkörperung zwischen Leiberleben und kulturellem Sinn.

Darin finden wir Themen, die auch wissenschaftlich klar machen, wie wichtig soziale Gebrauchsweisen sind.

Im Kapitel Wenn Blicke sich kreuzen wird deutlich wie schrecklich Burka und co. sind und warum wir sie verbieten müssen, wenn wir unsere Art zu leben retten wollen.

Da gibt es aber auch ein Kapitel über Herodot mit dem Titel Zur kulturellen Funktion des Leibes bei Herodot.

Der Autor Martin F. Meyer weist darauf hin, daß Herodot die Leiber der Menschen und Völker beschreibt „als Zeichen von sozio-kulturellen Funktionen.“

Das Tätowieren oder Halsringe, Nasenringe etc. um dazuzugehören oder sich abzugrenzen und zu zeigen, wer man/frau ist, oder nicht ist und welche Rolle man in der jeweiligen Gruppe einnimmt – gut daß es diese abstrakte Wortwahl gibt….

Die Lebensgeschichte als Leibesgeschichte im Sinne von Darstellungen auf der Haut zur Aufzeichnung von Erlebnissen. Da braucht man keine Schrift und keine Tagebücher mehr.

Aufzeichnen mit Bildern und Texten sind die Grundlagen unseres Menschheitswissens. Früher vernichteten Sieger die Zeugnisse der Verlierer, aber die mündliche Überlieferung rettete dann doch manches.

Heute ist das Wissen der Welt immer noch ein Mosaik und wird es auch bleiben.

Aber auch heute sind Reporter wichtig. Sie sind aber keine Historiker mehr und sie sollen eher Juristen sein.

Aber das auch nur hier, wenn man in das digitale System passen will.

Letztlich ist es so. Wer schreibt, der bleibt – aber nur auf dem Papier.

Wer schreibt und gelesen wird, der wirkt.

Aber ob er etwas bewirkt ist eine andere Frage.

Wir haben heute einen guten Zustand erreicht, weil wir wissen wie wichtig soziale Sicherheit und Menschenrechte sind. Aber wir haben aktuell Politiker in unseren Demokratien an der Macht, die so handeln, als ob sie es nicht wissen würden.

Auch das gab es schon öfter in der Geschichte.

Das steht sogar schon bei Herodot so.

Doch so wunderbar die Gabe des Wissens ist, so wenig hat sie doch Macht über das Geschehen, wie Koestler einmal schrieb.

Das weiß ich – ich weiß, daß ich was weiß, aber weil es kein aktuelles Herrschaftswissen ist, weiß ich, daß ich nichts weiß außer dem, was ich weiß.

Die Frage ist, ob die Menschen besser handeln würden, wenn sie mehr wissen würden.

Das würde bedeuten, die Vernunft würde siegen.

Nach meinen Erfahrungen ….

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.