Klugerweise hat der Mitteldeutsche Verlag dieses Buch noch einmal aufgelegt.

„Nach nunmehr fast dreißig Jahren Wiedervereinigung zeigt sich, dass auch viele Deutsche in West und Ost kein präzises Bild der Zeit vor 1990 mehr vor Augen haben … Gegen ein solch langsames und unmerkliches Verschwinden von lebendiger Erinnerung kann das Medium Fotografie helfen.“ Das schreibt Valeria Liebermann im Vorwort dazu. Wollen wir es hoffen!

Das Buch ist jedenfalls authentisch und eine Quelle erster Güte. Die Wäscheleine zwischen den Mietshäusern war nach den Erzählungen meiner Familie immer Treffpunkt für soziale Kontakte und weitere Verabredungen.

Und was ist das erste Foto im Buch?

Genau – die Wäscheleine voller Wäsche.

Und so sind in dem Buch schön erzählte kurze Geschichten und Fotos aus der Zeit und von den Ereignissen, die Siegfreid Wittenburg begleitet hat.

Man kann nie alles zeigen, Ausschnitte und konkreten Momente sprechen für sich.

Genau so ist es auch in diesem Buch.

Pars pro toto zeigt es den Alltag im Sozialismus und das soziale Leben in Wirklichkeit, ungeschönt und wahr – soweit Fotos wahre Wirklichkeit zeigen können.

Meiner Meinung nach gelingt es hier sehr gut. „Die Fotografien zeichnen persönliche Ereignisse auf, die gleichzeitig eine allgemeingültige Bedeutung besitzen“, schreibt Frau Liebermann.

Ich gehe sogar noch weiter. 30 Jahre nach dem Ende der DDR erleben große Teile der neuen BRD dasselbe nur unter neuen Vorzeichen. Einerseits wird neu gebaut, andererseits ist „die unerträgliche Ödheit halbverlassener ehemaliger Industriestädte“ eine zunehmende Realität.

Das Buch ist so konkret in Bild und Text, daß es im Kopf einfach weiterlebt und anregt, sich damit weiter zu beschäftigen.

Es ist im Mitteldeutschen Verlag neu aufgelegt worden und eine klare Kaufempfehlung.

Siegfried Wittenburg
Leben in der Utopie
Fotografien 1980–1996
Mit einer Einführung von Valeria Liebermann

2., durchgesehene und überarbeitete Auflage 2019
144 S., Br., 220×270mm, s/w-Fotografien
ISBN 978-3-96311-241-6