Die IG Metall zwischen Wiedervereinigung und Finanzmarktkrise vom Vorstand der IG Metall (Hg.) und Boris Barth

Es ist ein kleines und lesbares Buch geworden. Jörg Hofmann schreibt im Vorwort „Es ist der Blick eines Historikers auf diese letzten 25 Jahre Geschichte der IG Metall und seine Bewertung wesentlicher Aspekte unserer Arbeit.“

Da lohnen sich dann umso mehr einige Blicke darauf. Ich war dabei, er war es nicht. Ich erlebte die Zeit von unten und von innen, er las die Protokolle und sprach mit mindestens drei Vorsitzenden. Daher ist das Buch für mich sehr spannend.

So bleibt zunächst festzustellen, daß die Papierlage gut war.

Aber wieso hat Boris Barth sich im Buch eher mit den Protokollen des Vorstandes befasst, obwohl die Sitzungen des Beirates der IG Metall doch die ganze Welt der IG Metall viel eher und viel umfassender zeigten und auch für den Vorstand richtungsgebend waren?

So ist sein Blick ein Blick von oben und dort bleibt er auch. Sicher werden die politischen Abläufe eingeordnet und ebenso souverän werden die Ansichten aus Sicht des Vorstandes wiedergegeben.

Vielleicht ist die Sicht des Vorstands auch die Sicht der Organisation.

Aber im Selbstverständnis der damaligen Aktiven war der Beirat zwischen den Gewerkschaftstagen das höchste Gremium und tagte regelmäßig, um die Richtung vorzugeben und sich ein Gesamtbild zu verschaffen.

Gehen wir mal weiter und wenden wir uns der Rolle der IG Metall in unserer Demokratie zu.

Eine soziale Bewegung ist auch ohne Industrie denkbar.

Die IG Metall ist es nicht und daher ist sie auch nicht originär eine soziale Bewegung, sondern eine Interessenvertretung im industriellen Bereich, eine Gewerkschaft eben. Die Krise der Industrie spiegelte sich entsprechend in ihr wieder.

Und so mußte sie darauf reagieren.

Sie reagierte besonnen und mit tarifpolitischem Augenmaß und schaffte es letztlich mit ERA und dem Pforzheimer Abkommen, den freien Lauf  der Gier im neuen Deutschland an diesen Stellen zu bremsen und klug umzuwandeln im Rahmen bestehender sozialer Machtverhältnisse.

Es war insgesamt betrachtet wahrscheinlich richtig, denn hätte man nichts gemacht, wäre es auch nicht richtig gewesen …

Leider war es fast nur begrenzt auf die Zulieferindustrie und den Mittelstand und daher ein zweigleisiges Schwert, weil die Großen auf Kosten der Kleinen anders agieren konnten.

Allerdings würde ich die Wertung von Boris Barth nicht teilen, wenn er schreibt: „Da Belegschaften jetzt ein viel größeres Mitspracherecht als zuvor hatten, wurde zwar der Einfluss der Vorstandsverwaltung schwächer als zuvor, zugleich aber wurde mehr Verantwortung nach unten … delegiert….“

Nach meiner Wahrnehmung wurde die relative Autonomie der Verwaltungsstellen vor Ort durch ein starkes Kontrollsystem der Vorstandsverwaltung ersetzt.

Denn die sogenannten Bezirksleitungen waren und sind ja Teil der Vorstandsverwaltung, die nun die absolute Kontrolle übernahmen, erst telefonisch und dann persönlich. Es kommt auf die Sichtweise an, ob man das gut oder schlecht findet, aber wer vor Ort verhandelte, mußte immer im Bezirk nachfragen, ob das auch so gemacht werden durfte. Die Entscheidungsbefugnis lag allein in den Bezirken als Teil der Vorstandsverwaltung.

Aus Sicht des Vorstands war dies sicherlich gewünscht, andere Sichtweisen von unten waren auf Gewerkschaftstagen nicht mehrheitsfähig. Insofern ist die Darstellung von Boris Barth die Sichtweise, die mehrheitsfähig war. Das ist Demokratie und das ist ok.

Was mir in dem Buch wirklich fehlt, ist die vertiefte kritische Auseinandersetzung mit der Agenda 2010 und Hartz 4.

Vielleicht ist dies auch zu viel verlangt. Daher verweise ich als Ergänzung auf meine eigenen Ausführungen, die als Ergänzung dienen mögen.

Das Buch von Boris Barth ist lesenswert und gut zu lesen. Es wirft Blicke auf die Entwicklung der IG Metall und faßt viele Jahre mit einem großen Blick von oben gut zusammen.

Es zeigt aber auch, daß die IG Metall sich zunehmend weniger bis gar nicht mehr als soziale Bewegung versteht, sondern sich voll auf die Rolle als Interessenvertretung in Betrieben konzentriert.

Da Gewerkschafter immer zu denen gehören, die als Erste verfolgt werden, wenn die Demokratie zu Ende geht, wäre an dieser Stelle vielleicht mehr Einbindung und Engagement angesagt, das ja bei uns ursächlich mit der Agenda 2010 verknüpft ist: wer Hartz 4 abschafft stützt die Demokratie.

Der reflexartige Kampf für Minderheiten und gegen Neonazis ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit Hartz 4. Denn es kann doch nicht im Sinne der IG Metall sein, daß Kollegen, die z.B. mit 50 arbeitslos werden (und bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit), dann im Jobcenter gemäß der Verarmungsregel alle ihre Ersparnisse bis auf 150€ pro Lebensjahr aufbrauchen müssen, um dann am Rande des Existenzminimums dahinzuvegetieren. Und nur weil der Kollege / die Kollegin nicht mehr im Betrieb ist, kümmert man sich nicht mehr drum? Genau dann was zu tun wäre doch der beste Kampf gegen das Abrutschen in Extreme und für die Stärkung der Demokratie (und der Gewerkschaften).

Die letzten Sätze führen aber weit über das Buch hinaus, das ausgesprochen empfehlenswert ist, um einen Blick auf eine der größten Organistionen in unserem Land zu werfen und zu verstehen, was Tarifautonomie bedeutet.

Es ist im Herder-Verlag erschienen.

Die IG Metall zwischen Wiedervereinigung und Finanzmarktkrise vom Vorstand der IG Metall (Hg.) und Boris Barth

Verlag Herder

1. Auflage 2016

Gebunden

128 Seiten

ISBN: 978-3-451-37589-7

Bestellnummer: P375899

 

 

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