Geschichte ohne Epochen? – von Jacques Le Goff

„Die Historiker dürfen nämlich auf gar keinen Fall, wie das bislang zu oft geschehen ist, die Idee der Globalisierung mit Gleichmacherei verwechseln. Bei der Globalisierung gibt es zwei Etappen. Die erste besteht in der Kommunikation: Zwischen Regionen und Zivilisationen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten, werden Kontakte geknüpft. Die zweite ist ein Phänomen der Absorption, der Verschmelzung. Bis heute hat die Menschheit lediglich die erste Etappe erlebt.“

So endet das Buch des erfahrenen Historikers Jacques Le Goff. Es endet mitten in der Gegenwart.

Und genau darum geht es.

Wie können wir unsere Zeit verstehen?

Le Goff zeigt am Beispiel der Renaissance, daß es nicht so einfach ist, eine Trennung von Zeiten in der Periodisierung der Geschichte vorzunehmen.

Er zeigt in seinem klugen Essay sehr substantiiert auf, wie verschiedene Historiker versucht haben, eine Einordnung von Mittelalter und Renaissance vorzunehmen. Und er zeigt uns, daß das Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert ging.

Daraus entwickelt er die eigentliche Frage, ob Periodisierungen sinnlos sind.

Mit gefällt sehr gut sein Schilderung, wie die Geschichte in die Schule kam.

Historisches Denken ist ja eine rein intellektuelle Tätigkeit und deshalb Freiraum für die Deutung durch die, die sie nutzen. Und in die Schule kam die Geschichte, um im Sinne der Einflussreichen die Gegenwart und die Vergangenheit zu deuten. Das war in erster Linie die Kirche und dann natürlich der Einfluss der Herrschenden.

So kam es auch zu den bis heute wirkenden Aussagen, daß Adlige eben eine göttliche Abstammung hätten und deshalb regieren dürften oder dazu, daß die Kirche seit der Dominanz von Augustinus ein Denken bevorzugt, welches die Welt in sechs Reiche einteilt, die zum Ende der Welt führen.

Heute gibt es in einer pluralen Welt neue Ansätze.

Und alles muß man deuten.

Denn selbst die Geschichte der Menschheit ist strittig, weil man nicht genau weiß, was das ist, wann es beginnt und wer dazu gehört.

Einfach ausgedrückt zeigt ein Besuch im Neanderthalmuseum eine ganz andere Geschichte als ein Besuch der amerikanischen Arche Noah.

Jacques Le Goff gehört zu denen, die ernsthaft und verständlich den historischen Diskurs suchten und so ist sein Essay auch eine Auseinandersetzung mit der Literatur von Fachkollegen und zugleich eine Reise durch die Literatur zur Abgrenzung von Renaissance und Mittelalter in der historischen Debatte als Beispiel für alle Fragen der Periodisierung.

Es macht Spaß, das Buch zu lesen und es bringt auch Laien dazu, die Wertungen in der Geschichte differenzierter zu sehen.

1492 gilt bis heute als das Jahr, in dem das Mittelalter zu Ende ging.

Was war da eigentlich los?

Le Goff bezieht sich auf Bernard Vincent, der sich die iberische Welt genauer angesehen hat.

  • In Grenada kapitulierte der letzte muslimische Herrscher
  • Aus der Region wurden die Juden vertrieben
  • Kastilisch wurde seit diesem Jahr durch eine Grammatik in Buchform zur Sprache von Spanien
  • Kolumbus entdeckte Guanahani

Real war dies aber nicht das Ende des Mittelalters sondern der Beginn von etwas Neuem, das bis ins 18. Jahrhundert dauerte.

Denn die Entdeckung Amerikas und die Nutzung der Reichtümer führte zu einer neuen Wirtschaft und einem „modernen“ Staat, der sich jenseits der Monarchie herausbildete.

Es war eben ein langes Mittelalter und wir sind heute erst am Anfang einer langen Neuzeit, die vielleicht Globalisierung heißt, wenn ich als Inspiration aus diesem Buch diesen Gedanken so entwickeln darf.

Ein Buch aus dem Philipp von Zabern Verlag, das sich lohnt, lesenswert ist und den historischen Horizont erweitert – auch zur Beurteilung der Gegenwart.

Le Goff, Jacques
Geschichte ohne Epochen?
Aus dem Franz. von Klaus Jöken

ISBN: 9783805350365

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.