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Die Russenbäume von Naumburg

Die DDR ist schon mehr als 30 Jahre vorbei und die russische Besatzung auch. Langsam verlieren sich auch die Zeichen der Menschen aus dieser Zeit.

In Naumburg an der Saale gab es eine große militärische Siedlung, die schon zu Zeiten der Wehrmacht existierte und dann von den russischen Soldaten genutzt wurde. Naumburg war schon früher Garnisonsstadt. „Die Russenbäume von Naumburg“ weiterlesen

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Magnus Brechtken, Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart

„Wenn ein Busfahrer dieselbe Steuer zahlen musste wie der millionenschwere Unternehmer, war das in Ordnung, denn es stand dem Busfahrer ja frei, selbst Millionär zu werden! Hier liegt das Problem des Siegeszuges jener Vorstellungen, die seit den 1980er Jahren als Neoliberalismus bekannt sind und bis in unsere Gegenwart wirken. Die Dynamik des Wandels und die entsprechenden Folgen für die Lebenschancen des Einzelnen wurden regelmäßig ignoriert… Deshalb ist die ordnende Struktur von Staat, Gesellschaft und Solidargemeinschaft unverzichtbar.“

Diese Gedanken stehen auf Seite 218 des Buches von dem Historiker Magnus Brechtken. „Magnus Brechtken, Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart“ weiterlesen

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Über die Natur des Menschen

„Oft schon wurde festgestellt, daß drei wichtige geistige Umwälzungen die Idee von der zentralen Stellung des Menschen bedroht haben. Als Erster demonstrierte Kopernikus, dass die Erde nicht der Mittelpunkt ist, um den sich alle anderen Himmelskörper drehen. Als Nächster zeigte uns Darwin, dass wir keine zentrale Rolle in der Kette der Evolution spielen, sondern wie alle anderen Geschöpfe aus anderen Lebensformen entstanden sind. Und drittens erklärte uns Freud, daß wir in unserem eigenen Hause nicht die Herren sind – ein Großteil unseres Verhaltens werde von Kräften ausserhalb unseres Bewusstseins beherrscht. Es besteht kein Zweifel daran, dass Freuds verkannter Mitrevolutionär Arthur Schopenhauer war, der schon lange vor Freuds Geburt postulierte, dass wir von tiefgreifenden biologischen Mächten gesteuert werden und uns dann einbilden, wir hätten unser Schicksal bewusst gewählt.“

David Yalom

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Über Kirche, Religion und Moral

„Der Christ war bisher das »moralische Wesen«, ein Kuriosum ohnegleichen – und, als »moralisches Wesen«, absurder, verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachteiliger als auch der größte Verächter der Menschheit es sich träumen lassen könnte. Die christliche Moral – die bösartigste Form des Willens zur Lüge, die eigentliche Circe der Menschheit: das, was sie verdorben hat. Es ist nicht der Irrtum als Irrtum, was mich bei diesem Anblick entsetzt, nicht der jahrtausendelange Mangel an »gutem Willen«, an Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem Sieg verrät – es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen schauerliche Tatbestand, daß die Widernatur selbst als Moral die höchsten Ehren empfing und als Gesetz, als kategorischer Imperativ, über der Menschheit hängen blieb!… In diesem Maße sich vergreifen, nicht als einzelner, nicht als Volk, sondern als Menschheit!… Daß man die allerersten Instinkte des Lebens verachten lehrte; daß man eine »Seele«, einen »Geist« erlog, um den Leib zuschanden zu machen; daß man in der Voraussetzung des Lebens, in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; daß man in der tiefsten Notwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht (– das Wort schon ist verleumderisch! –) das böse Prinzip sucht; daß man umgekehrt in den typischen Abzeichen des Niedergangs und der Instinkt-Widersprüchlichkeit, im »Selbstlosen«, im Verlust an Schwergewicht,[1157] in der »Entpersönlichung« und »Nächstenliebe« (– Nächstensucht!) den höheren Wert, was sage ich! den Wert an sich sieht!… Wie! wäre die Menschheit selber in décadence? war sie es immer? – Was feststeht, ist, daß ihr nur Décadence-Werte als oberste Werte gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die Niedergangs-Moral par excellence, die Tatsache, »ich gehe zugrunde« in den Imperativ übersetzt: »ihr sollt alle zugrunde gehn« – und nicht nur in den Imperativ!… Diese einzige Moral, die bisher gelehrt worden ist, die Entselbstungs-Moral, verrät einen Willen zum Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. – Hier bliebe die Möglichkeit offen, daß nicht die Menschheit in Entartung sei, sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit der Moral sich zu ihren Wert-Bestimmern emporgelogen hat – die in der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht erriet… Und in der Tat, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Führer der Menschheit, Theologen insgesamt, waren insgesamt auch décadents: daher die Umwertung aller Werte ins Lebensfeindliche, daher die Moral… Definition der Moral: Moral – die Idiosynkrasie von décadents, mit der Hinterabsicht, sich am Leben zu rächen – und mit Erfolg. Ich lege Wert auf diese Definition. – …

Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am höchsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er überhaupt noch etwas in den Händen hat. Alles, was bisher »Wahrheit« hieß, ist als die schädlichste, tückischste, unterirdischste Form der Lüge erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu »verbessern«, als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus… Wer die Moral entdeckt, hat den Unwert aller Werte mit entdeckt, an die man glaubt oder geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig gesprochnen Typen des Menschen nichts[1158] Ehrwürdiges mehr, er sieht die verhängnisvollste Art von Mißgeburten darin, verhängnisvoll, weil sie faszinierten… Der Begriff »Gott« erfunden als Gegensatz-Begriff zum Leben – in ihm alles Schädliche, Vergiftende, Verleumderische, die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit gebracht! Der Begriff »Jenseits«, »wahre Welt« erfunden, um die einzige Welt zu entwerten, die es gibt – um kein Ziel, keine Vernunft, keine Aufgabe für unsre Erden-Realität übrigzubehalten? Der Begriff »Seele«, »Geist«, zuletzt gar noch »unsterbliche Seele«, erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank – »heilig« – zu machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von Nahrung, Wohnung, geistiger Diät, Krankenbehandlung, Reinlichkeit, Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der Gesundheit das »Heil der Seele« – will sagen eine folie circulaire zwischen Bußkrampf und Erlösungs-Hysterie! Der Begriff »Sünde« erfunden samt dem zugehörigen Folter-Instrument, dem Begriff »freier Wille«, um die Instinkte zu verwirren, um das Mißtrauen gegen die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des »Selbstlosen«, des »Sich-selbst-Verleugnenden« das eigentliche décadence-Abzeichen, das Gelocktwerden vom Schädlichen, das Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden- Können«, die Selbst-Zerstörung zum Wertzeichen überhaupt gemacht, zur »Pflicht«, zur »Heiligkeit«, zum »Göttlichen« im Menschen! Endlich – es ist das Furchtbarste – im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Mißratnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zugrunde gehn soll-, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgeratenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht – dieser heißt nunmehr der Böse… Und das alles wurde geglaubt als Moral!“

Aus Nietzsche Ecce Homo

Aber was ist die Natur des Menschen? Hilfreich ist es hier zu lesen, denn die Freiheit, die dadurch entsteht, führte z.B. zur Weltanschauung der Nazis. Die Demokratie wurde aus der Natur des Menschen entwickelt, um der Natur des Menschen einen Rahmen zu geben, damit alle miteinander leben können. Das ist vernünftig.

 

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Über Bücher

Ich nehme als Gleichnis den Verkehr mit Büchern. Der Gelehrte, der im Grunde nur noch Bücher »wälzt« – der Philologe mit mäßigem Ansatz des Tags ungefähr 200 – verliert zuletzt ganz und gar das Vermögen, von sich aus zu denken. Wälzt er nicht, so denkt er nicht. Er antwortet auf einen Reiz (– einen gelesenen Gedanken), wenn er denkt – er reagiert zuletzt bloß noch. Der Gelehrte gibt seine ganze Kraft im Ja- und Neinsagen, in der Kritik von bereits Gedachtem ab – er selber denkt nicht mehr… Der Instinkt der Selbstverteidigung ist bei ihm mürbe geworden; im anderen Falle würde er sich gegen Bücher wehren.

Nietzsche, Ecce Homo

 

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Candide oder die beste aller Welten von Voltaire

„Endlich hatte die Fehd‘ ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt. Greise lagen hier, die Wund‘ an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht‘ ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.“

Damit sind wir in der besten aller möglichen Welten angekommen.

Der junge Candide oder Kandide wird aus dem Schloss verjagt, weil er mit der schönen Kunigunde erwischt wurde. Und nun muß er die Welt entdecken. In einem Wirtshaus wird er betrunken gemacht und wird leichte Beute als Soldat. Nach einigen Wirren trifft er seinen alten Lehrmeister wieder:

„Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. „Was hör‘ ich? Sie sind’s, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl‘ aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?“ Mit mir ist’s aus, rief Panglos, und sank um. Alsbald schleppt‘ ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt‘ er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? – Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe? Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf’s möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor’n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben’s auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht. Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt‘ er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt. Panglos. Ach Liebe war’s, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war’s, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?“

Und so reist Candide durch die Welt, erlebt viele Abenteuer mit Ungarn, Türken, Muftis, Katholiken – allem, was die damalige Welt zu bieten hatte, um endlich dorthin zu kommen, wo man besser leben kann.

Alles Wichtige zu diesem Buch findet sich in einem Wikipedia-Artikel.

Aber es lohnt sich, dieses Buch heute noch mal zu lesen, denn im Zeitalter von Gender und verbaler Gleichmacherei wäre zu fragen, ob so ein Buch nicht unter die Zensur fiele:

„Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche. Er fand – muß ich gestehen –, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war – ich kann’s gar nicht in Abrede sein – eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt‘ es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all‘ sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war. Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt‘ er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd‘ ich eines Bessern belehrt. Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé. Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör‘ ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.“

Darf man heute so noch schreiben? Hat sich die Welt trotz der Abschaffung solcher Sprache verbessert oder wird sie dadurch besser? Ist Voltaire ein Rassist, waren alle Menschen vor uns Rassisten?

Dies alles sind Fragen, die wir uns stellen und beantworten sollten.

Eine Antwort lautet in der aktuellen Debatte ja, daß man das Wort Rasse aus dem Grundgesetz streichen soll. Wenn es so einfach wäre!

Eine andere würde wohl in Verlängerung lauten, wenn wir alles verbieten, was rassistisch ist, dann gibt es weniger Rassismus in den Köpfen. Glaubt da jemand dran?

Übrigens endet unser Denken an den Grenzen des Landes, das wir selbst verteidigen, um so leben zu können – wenn wir es noch verteidigen …

Candide oder der Optimismus ist so gut, weil er die Widersprüchlichkeit der Welt und der Menschen auf den Punkt bringt.

Es ist ein Buch, das sich heute vielleicht mehr denn je lohnt, weil es uns den Spiegel vorhält und unsere Zeitgebundenheit deutlich macht.

Voltaire hat die Machtstrukturen seiner Zeit und die Ideologien und Glaubensfragen herausgearbeitet, die zu Kriegen und Gemetzel führten.

Die Machtstrukturen sind bis heute vorhanden.

Da wir alle endlich sind und Geld führt und unsere Antworten heute haben uns nicht weiter weg aus den Fragen unserer Welt gebracht.

„Wenn wir über die Armen sprechen, dann tun wir so, als würden Geld und Leistung zusammenhängen – aber gleichzeitig sehen wir bei den Reichen jeden Tag, dass das eine Lüge ist. Ich würde das Erben abschaffen, und dafür die Möglichkeiten, zu Lebzeiten zu schenken, ausweiten. “

So klug und gut wie Anna Mayr kann man heute bei uns diskutieren. Aber es gibt ja noch die Bestrebungen der alten Adeligen, sich selbst wieder einzusetzen und es gibt die neuen Herrscher und Gruppen, die die Welt mit alten und neuen Argumenten sich untertan machen wollen.

Und wer nicht in einer Demokratie mit unserer Meinungsfreiheit lebt, was kann der/die tun? Da lacht man meistens über Gendersternchen und das dritte Geschlecht.

Insofern lohnt sich das Buch Candide heute um so mehr, weil es unser eigenes Denken und Handeln ebenso infrage stellt wie früheres Denken und Handeln.

Klar ist, wenn man den Menschen die soziale Sicherheit nimmt, destabilisiert sich ein System und kann nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden. Klar ist auch, es gibt genügend, die sich gerne mit Gewalt die Macht nehmen würden, auch in Demokratien. Da den Herrschenden (Geld führt) die Regierenden zu Füßen liegen und alle Versuche, dies abzuschaffen, nicht gelingen werden, bleibt zu fragen, wie man am Besten überlebt.

Das Leben gibt die Antwort.

 

 

 

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Die Elenden von Anna Mayr

Gut gemacht, gut geschrieben und gut zu lesen. So könnte man Stil und Inhalt des Buches zusammenfassen.

„Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht“ lautet der Untertitel deses Buches.

Nun also die Kinder.

Als der Kampf gegen Hartz 4 und die Agenda 2010 begann und in den Jahren danach schrieben vor allem die, die es verhindern wollten, über das, was passieren wird.

Und jetzt schreiben die Kinder der Eltern, die politisch gewollt darin aufwachsen mußten. „Die Elenden von Anna Mayr“ weiterlesen

Veröffentlicht in Alle, Zeitgeschichte

Todesmarsch 1945 von Herbert Naumann

„Vom 13. April bis zum 9. Mai 1945 mussten 2400 Häftlinge der Außenstelle Leipzig des KZ Buchenwald einen über 500 Kilometer langen Marsch absolvieren, auf dem 2150 von ihnen ermordet wurden oder vor Erschöpfung starben. Der Fotograf Herbert Naumann hat nach jahrelangen Recherchen den Verlauf dieses Todesmarsches minutiös rekonstruieren können und dabei Berichte von Überlebenden und zeitgenössische Dokumente aufgespürt. „Todesmarsch 1945 von Herbert Naumann“ weiterlesen

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Persönliche Erinnerungskultur und die Rolle der Fotografie heute

Fragen

Wenn ein Haus leergeräumt wird, finden sich oft an den Wänden und in den Schubladen alte Fotos, die keiner mehr will. Diese Fotos hatten für die Besitzer aber einen persönlichen Erinnerungswert.

Wenn heute ein Unternehmen seine Geschichte aufarbeiten will, dann wird ein Historikerbüro beauftragt, das die vorgefundenen Materialien sichtet und daraus ein Buch, eine Webseite oder sonst etwas macht.

Wenn früher ein Foto ausreichte, um die gesamte Kindheit darzustellen und heute allein von dem Baby mehr digitale Fotos auf Handys existieren als je zuvor, was macht man dann damit in zehn Jahren?

Wenn Unternehmen heute zwar Videoüberwachung haben aber Produktion und Verlagerung just in time nur noch die Funktion betonen, welche Rolle spielt dabei dann die Erinnerung?

Diese vier W-Absätze mögen der Einstimmung dienen, um mich dem Thema zu nähern. „Persönliche Erinnerungskultur und die Rolle der Fotografie heute“ weiterlesen

Veröffentlicht in Buch, Zeitgeschichte

Vincent Jarousseau, Die Wurzeln des Zorns

Visual History in seiner besten Form ist in diesem Buch zu finden.

„Aus dem Alltag von Menschen, die in unserer Gesellschaft nicht mehr zählen“ lautet der Untertitel des Buches.

Hier hat ein Dokumentarfotograf ein Buch gemacht, das Fotos mit Grafiken und erzählenden Sprechblasen mischt, eine sogenannte Graphic Novel.

Es ist eine gute Mischung geworden, die das Thema über Fotos viel sichtbarer und einsehbarer macht als es ein Text allein könnte. „Vincent Jarousseau, Die Wurzeln des Zorns“ weiterlesen

Veröffentlicht in Buch

Das verfallene Haus des Islam von Ruud Koopmans

„Wie das Christentum hat auch der Islam in seiner Geschichte viele Gesichter gezeigt, von den schönsten Beispielen der Nächstenliebe bis hin zu den schrecklichsten Formen von Sklaverei und Völkermord. Das Einzige, was sie alle gemeinsam hatten, war, dass sich diejenigen, die diese Wohl- und Gräueltaten vollbrachten, ausnahmslos durch die Heiligen Schriften ihrer Religion legitimiert fühlten.“ „Das verfallene Haus des Islam von Ruud Koopmans“ weiterlesen

Veröffentlicht in Buch, Zeitgeschichte

Eberhard Klöppel, Das Mansfelder Land 1974–1989 Bildband

Ich habe hier eine außergewöhnlich gute Perle der Dokumentarfotografie gefunden.

Der Fotograf Eberhard Klöppel hat im Mitteldeutschen Verlag ein Fotobuch veröffentlicht, das am Beispiel des Mansfelder Landes durch Fotos mit großer dokumentarischer Kraft zeigt, wie es war bis zur Wende. Hinzu kommt der Längsschnitt und der Querschnitt durch die Zeit, der dies alles als Gesamtbild erfahrbar macht.

So muß ein dokumentarfotografisches Buch sein, das soziale Fotografie, Zeitgeschehen und das Leben vor Ort über viele Jahre darstellt. Es ist einfach großartig, weil es ungeschönt aber wohlwollend zeigt, wie es eigentlich gewesen ist.

Wenn Fotos noch eine dokumentierende Funktion haben, dann ist sie hier zu sehen.

Rückblickend ist dieses Buch aber noch viel mehr. Es ist eine detailreiche und spannende visuelle Geschichte über das Leben in der DDR.

Michael Birkner führt in das Buch mit einem sehr informativen Textbeitrag ein. Dort können wir u.a. lesen: „Klöppels Fotos zeigen auch sonst nicht diese für aktuelle Ausstellungen … so gern gewählten Motive, die Tristesse vermitteln, Resignation und ein graues Leben in einem grauen Land suggerieren…. Was nicht heißt, dass Klöppel beschönigt. … Klöppel zeigt wie es war zu dieser Zeit im Mansfelder Land.“

Das kann man wohl sagen.

Die Fotos in diesem Buch sind vor allem auch in dieser Zusammenstellung von einer ungeheuren sozialdokumentarischen Kraft, die dadurch wesentliche Elemente der sozialen und industriellen Strukturen vor Ort zeigen und zugleich deutlich machen, wie man damals arbeitete und lebte.

Es ist dem Fotografen Eberhard Klöppel mit diesem Buch gelungen, das Echte und Einfache der dokumentarischen Fotografie eindrucksvoll umzusetzen.

Bravo!

Meiner Meinung nach ist dieses Buch auch ein gelungenes Beispiel, um die Realität vor der Wende jenseits der großen politischen Debatten vor Ort zu zeigen.

Das Buch ist fotografisch einfach stark durch die dokumentarische Kraft seiner Fotos.

Meine Begeisterung für dieses Buch hat auch noch einen anderen Grund.

Da ich durch eigene Tätigkeit weiß, wie schwer es ist, soziale Entwicklungen und strukturelle Umbrüche in Industrieregionen zu zeigen, die viele Aspekte umfassen, halte ich dieses Fotobuch für besonders gut und besonders gelungen.

Es ist leicht ein Ereignis zu zeigen, egal ob Demo oder Betriebsschließung – aber es ist ungeheuer schwer, den Alltag von Menschen zu zeigen und die Ereignisse, die ihn verändern, so daß im fotografischen Mosaik ein Gesamtbild eines Zeitraumes vor Ort entsteht. Das erfordert ja immer wieder die Beschäftigung mit den Menschen und den Abläufen dort vor Ort über längere Zeit.

Wie schreibt der Verlag?

„Kaum ein Bildreporter hat so intensiv das Geschehen im Mansfelder Land beobachtet wie Eberhard Klöppel. Er begann schon früh zu fotografieren. In seinem Archiv gibt es Tausende Fotos vom Leben in seiner Heimat. Aber wichtigstes Thema waren für ihn Bergbau und Hütten – und vor allem die Menschen, die dort arbeiteten.
Klöppels Fotos zeigen nicht die vermeintliche Tristesse und Resignation, sondern vermitteln Leben. Nie agiert er als Regisseur, sondern konsequent als Beobachter, als Dokumentarist seiner Zeit. Er zeigt, wie es war in diesen Jahren im Mansfelder Land: Ob es der Umzug der Ausgezeichneten am 1. Mai ist, die Hochzeit mit Dreimannkapelle und den tanzenden Gästen, der von Frauen in Kittelschürzen umringte Kosmonaut Sigmund Jähn bei der Autogrammstunde, das Leben in der Mittelstraße in Helbra, das »Dreckschweinfest« der Grunddörfer zu Pfingsten oder auch der Wiesenmarkt in Eisleben.“

Es ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.

Eberhard Klöppel
Das Mansfelder Land 1974–1989
Bildband
Mit einem Text von Michael Birkner

geb., 210 × 260 mm, 144 S., s/w-Abb.
ISBN 978-3-96311-305-5

 

 

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Bergisches Protokoll oder hinter dem medialen und digitalen Nebel ist immer noch die Klassengesellschaft

Nach dem Ende des Sozialismus galt Marx als überholt, weil Menschen nun mal den Widerspruch leben – obwohl auch die Umstände mitentscheiden.

Marx steht u.a. für folgende Aussage: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! “

Und Freiheit? „Bergisches Protokoll oder hinter dem medialen und digitalen Nebel ist immer noch die Klassengesellschaft“ weiterlesen

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Antisemitismus heute Michael Wolfssohn im Gespräch

„Wenn Medien, Politiker und Stammtisch sagen, die größte Gefahr komme von rechts, kann ich das historisch und psychologisch verstehen. Denn der Holocaust, der bekanntlich von Rechtsextremisten – also den deutschen Nationalsozialisten – verübt worden ist, war kein muslimisches und auch kein linkes Phänomen.“ „Antisemitismus heute Michael Wolfssohn im Gespräch“ weiterlesen

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Die drei wichtigsten Bücher unserer Zeit in Deutschland

Jede Zeit hat ihre Chronisten und Geschichtsschreiber. Zeitgeist und Zeitgeschichte in Büchern zu finden ist da nicht immer möglich. Aber aktuell gibt es drei Bücher, die zusammen zeigen, wie unser Zeitgeist aussieht, was uns gerade bestimmt und was bei uns geschehen ist.

  • Was bestimmt unsere Zeit,
  • was ist in den Köpfen der politisch denkenden Menschen,
  • was bestimmt das Handeln der politischen Klasse bei ihrem Eigennutz noch,
  • was bewegt die Menschen vor Ort wirklich?

„Die drei wichtigsten Bücher unserer Zeit in Deutschland“ weiterlesen

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Von Wupperseiten zu Wupperlens – ein visuelles Bergisches Geschichtsbuch

Sichtbares und Gesehenes festzuhalten ist die Aufgabe eines selbsternannten visuellen Chronisten. Der ständige Wandel der äußeren Umstände ist Kennzeichen unserer sichtbaren sozialen Welt. Die unsichtbare Welt mit ihren Herrschaftsstrukturen wird dabei teilweise sichtbar. „Von Wupperseiten zu Wupperlens – ein visuelles Bergisches Geschichtsbuch“ weiterlesen